Hi,
ich bin nun zwar neu hier im Forum und surfte eigentlich vorbei, um mir Tipps für den Einstieg in die Zughundearbeit zu suchen (Großes Kompliment übrigens an Herrn Albrecht, toller, witziger und informativer Einstieg), aber vielleicht interessiert euch auch mein "Senf" zu dieser Sache:
Mobbing im eigentlichen Sinne bezeichnet das spontane Zusammenschließen von Hunden ohne eigentliche feste Bindung zueinander gegen einen gemeinsamen, oft schwachen oder ängstlichen "Feind". Insbesondere ängstliche und unsichere Hunde, die selbst keine sichere Position in einer Gruppe haben sind klassische Mobbing-Mittäter.
Das Thema insgesamt ist ziemlich umfangreich, aber ich werde mich gegen meine Neigung (;-)) bemühen, einen kurzen Einstieg anzubieten.
Situationen, in denen mehrere Hunde hinter einem hersausen können sehr unterschiedliche Gründe haben. Längst nicht in allen Fällen geht es um Mobbing.
Zusammen lebende Hunde können sehr unterschiedliche Strukturen haben. Vom fest gefügten Rudel (Familiensippe) bis zur so genannten Sammelgruppe, ein beliebig zusammengewürfelter Haufen ohne eigentliche klare Struktur ist alles möglich. Im Rudel ist Mobbing gegenüber Rudelmitgliedern praktisch ausgeschlossen, in der Sammelgruppe ist Mobbing im Prinzip an der Tagesordnung. Auf Dauer werden sich Hunde in einer Sammelgruppe möglichst unauffällig verhalten, man spielt und rennt nicht um nicht Zielscheibe zu werden.
Der Reiz des Mobbings für Hunde liegt darin, dass man zumindest vorübergehend Teil einer sozialen Gruppe ist und seine Ängste und Unsicherheiten in einer gemeinsamen Aktion abreagieren kann. Für jeden Hund, der sozial nicht zu sehr geschädigt ist, ist das Leben in einem Rudel das ultimative Ziel. Das Rudel gibt Sicherheit, Zusammengehörigkeit und Entspannung, und zwar unabhängig von der Position. Die beliebtesten Positionen sind dabei übrigens die niedrig stehenden, denn das heißt, dass man sich eigentlich um gar nichts Sorgen machen muss; das regeln alles die anderen. Wer hoch steht, hat Verantwortung und muss immer die Lage im Blick behalten. Da kann man nicht einfach machen, was einem gerade Spaß macht. Wenn ich meiner Althündin etwas besonders gutes tun wil, nehme ich sie allein irgendwo hin mit. Dann kann sie nämlich machen was sie will, mit fremden Hunden rumalbern und sich nur auf ihr Ding konzentrieren. Sind ihre Kinder (mittlerweile auch schon über 8 Jahre alt) dabei, würde das nie so vorkommen. Sie würde immer etwas außen stehen und die Regie im Auge behalten (Bei Hundebegegnungen jedenfalls)l
Auch im Rudel gibt es Situationen, die auf den ersten Blick Mobbing darstellen könnten. Einer der Hunde wird von allen anderen verfolgt, niedergerungen, verbellt, gepufft und gezwickt. Im Gegensatz zum Mobbing ist es in einem Rudel aber nicht ein schwaches, niedrig stehendes Tier, das gejagt wird. In der Regel ist es ein starkes Führungstier, das seinerseits zum Jagen auffordert und die Sache durchaus genießt. Typisch für so eine Situation ist, dass der Auftakt so aussieht, dass das "Opfer" eine Scheinflucht anbietet. Spielerisch übertriebene Demutssignale signalisieren: "Fang mich doch". Ganz klassisch dabei ist eine Schwanzposition, bei der die ersten ca. 10 cm waagerecht nach hinten laufen und der restliche Schwanz senkrecht nach unten oder auch leicht eingezogen wird. Der Hund flüchtet dann nicht mit voller Geschwindigkeit sondern lässt sich auch immer wieder einholen und niederringen. Begleitet wird das ganze von großem Getöse und scheinbar wildem Gebaren. Der Spielinitiator ist aber jederzeit Herr der Lage und kann sich auch wann immer er möchte wieder aus dieser Situation befreien.
Wenn ein Rudel sich geschlossen gegen einen außenstehenden oder neu hinzugekommenen Hund wendet, muss es sich auch nicht um Mobbing handeln. Rudelmitglieder unterscheiden bei Auseinandersetzungen, ob es sich um lokale Rangstreitigkeiten zwischen zwei Tieren handelt. In diesem Falle bleiben alle entspannt liegen, die es nicht unmittelbar angeht. Wird der Hund aber als potentiell gefährlich für einen oder alle Rudelmitglieder eingeschätzt, dann sind alle zur Stelle und wehren gemeinsam ab.
Wann muss man etwas tun?
Schließen sich Hunde, die sich wenig oder kaum kennen, zu einer spontanen Hetzjagd auf ein meist ängstliches Tier zusammen, ist es in der Regel Mobbing und muss unterbunden werden. Wann es sich in einer festen Gruppe um Mobbing handelt und wann nicht muss durch sorgfältige Beobachtung im einzelnen Fall beurteilt werden. Wer ist das Opfer und wie geht es ihm danach? "Großmäulige", sozial unerfahrene oder auch sozial unangepasste Tiere können über einen längeren Zeitraum auch von der Gruppe in die Mangel genommen werden, davon aber durchaus profitieren, in dem sie auf Dauer auch von der Gruppe aufgenommen werden.
Hundegruppen in menschlicher Haltung haben verschiedene Einflussfaktoren, die das Gefüge schwierig machen. In der Regel dürfen die Hunde ihre Gruppe nicht selbst wählen. Sie wird ihnen vorgegeben. Nicht alle Alttiere in Gruppen sind in der Lage, jeden Neuzugang passend einzugliedern. Es gibt Unterschiede im sozialen Spektrum verschiedener Rassen. Beispielsweise sind Labradorhündinnen meist völlig ungeeignet, Führungspositionen bei gemischten Rassen zu übernehmen, da sie oft viel zu tolerant gegenüber Fehlverhalten der jüngeren sind. Daraus ergibt sich meist eine Orientierungslosigkeit der Jüngeren. Nicht zuletzt mischen wir Menschen in der Ordnung mit und das längst nicht immer zum Vorteil.
Das Arbeiten in Beziehungen von Hunden untereinander ist das schwierigste überhaupt. Zuerst muss zweifelsfrei geklärt werden, worum es überhaupt geht und dann muss zielgerichtet eingegriffen werden. Dazu gehört viel Selbstdisziplin und Wahrnehmung der eigenen Körpersprache. Wenn ich beispielsweise eine eingespielte Gruppe habe und einen neuen "Heißsporn" integrieren möchte, kann ich im Konfliktfall nicht einfach losbölken. Was dann passiert ist meistens das: Ich habe vorübergehend Ruhe, schaffe aber einen dauerhaften Konflikt. Der Neuzugang ist von mir vermutlich wesentlich weniger beeindruckt als meine Alttiere. Er lernt aber, dass, wenn er Schwierigkeiten kriegt, ich mich scheinbar auf seine Seite schlage, er also einen wichtigen Verbündeten hat. Er kann also gefahrlos weiter stänkern. Meine Alttiere, statt sie zu stärken, reduziere ich, in dem ich sage, ihr habt hier nichts zu entscheiden. Sie vermeiden daraufhin die eigentlich nötige Klärung und geben dem Youngster noch mehr Raum, sich aufzuspielen, wodurch ein beständig schwelender Konflikt entsteht.
Auwei, ich sehe gerade, es ist doch schon ein halbes Buch. Schluss jetzt also, auch wenn es noch vieles mehr zu sagen gäbe.
Liebe Grüße an alle Viel- und Gerneleser ;-)
Antje